Ihre diesjährige Exkursion führte die VDI Gruppe vom 02. bis 05. Mai 2013  nach Thale und Ilsenburg. Beide Städte verbindet eine über 1000 jährige Geschichte der Hüttenindustrie und der metallverarbeitenden Industrie. Thale gilt dabei noch als der Mythenort des Harzes. Die bizarre Felsenwelt ist Schauplatz zahlreicher Sagen.


Die bekannteste ist die von der Rosstrappe. Das historische Berghotel Rosstrappe war deshalb Start- und Zielpunkt unserer Unternehmungen.

Der Freitag begann mit einer Führung in der Maschinenfabrik Thale GmbH. Die Gesellschafter Herr Peter Kraus, und Herr Eberhard Quasthoff begrüßten die Teilnehmer der Exkursion und führten in die Geschichte des Unternehmens ein, das vorwiegend in Stahlwerken, im Stahlwasserbau (Schifffahrtswege), in Kraftwerken, dem Kali- und Salzbergbau, im Waggonbau aber auch im allgemeinen Maschinenbau und im Stahlbau mit Engineering, Fertigung und Montage aktiv ist.

Anschließend führt Herr Dipl.-Ing. Peter Kraus mit viel Stolz in das Hüttenmuseum Thale und zur Dampfmaschine Nr.7. Gezeigt wird die Entwicklung der Eisenverhüttung und Eisenverarbeitung am Beispiel des EHW Thale von einer Blechhütte im Jahre 1686 bis zum industriellen Großbetrieb des 20. Jahrhunderts.

Der Prozess des Verhüttens und der anschließenden Eisenverarbeitung wird anhand von Modellen wie Rennofen, Hoher Ofen und Frischfeuer veranschaulicht. Der Besucher erfährt, dass 1831 in Thale die erste schmiedeeiserne Wagenachse Deutschlands hergestellt und 1835 das erste Geschirremaillierwerk Europas gegründet wurde. Im Mittelpunkt steht u.a. die Entwicklung der Hauptproduktionsbereiche Stahlwerk, Walzwerke, Stanz- und Emaillierwerk, Behälter- und Apparatebau und Pulvermetallurgie. Es wird deutlich, dass in Thale vom Stahl bis zum hochveredeltem Pulverteil alles an einem Ort hergestellt wurde.

DampfmaschineEine Besonderheit ist die 1911 in der Ascherslebener Maschinenbau AG gebaute doppeltwirkende Tandem-Walzenzugdampfmaschine. Diese Schmidtsche Heißdampfmaschine Nr. 7 ist einzigartig in Sachsen-Anhalt und ein herausragendes Industriedenkmal des 20. Jahrhunderts. Heute noch sind das Dampfmaschinengebäude und die Dampfmaschine am originalen Standort erhalten. Außergewöhnlich ist, dass die zweizylindrige und 1.500 PS starke Dampfmaschine mit Fliehkraftregler, die nur in eine Richtung wirkt, fast 80 Jahre als Antriebsmaschine in der Schwerindustrie diente und erst am 11. September 1990 im voll funktionsfähigen Zustand stillgelegt wurde. Bis zur Stilllegung des Blockwalzwerkes trieb die Dampfmaschine über eine Kammwalze die Blockwalzstraße mit drei Walzengerüsten an. Im Museum ist sie im Modell zu sehen. Das Original kann seit 2009 besichtigt werden und wurde vor den Augen der Exkursionsteilnehmer in Betrieb genommen.

Anschließend ging es in die Schunk Sintermetalltechnik GmbH. Die Schunk Sintermetalltechnik GmbH Thale hat im Verlauf der zurückliegenden Jahre eine rasante Entwicklung genommen. Bei dem Pulvermetallurgie-Spezialisten sind  350 Mitarbeitern beschäftigt. Vor über 50 Jahren ist die heutige Produktionsstätte eingeweiht worden. Vor 16 Jahren ist das Unternehmen, das aus dem einstigen Eisenhüttenwerk Thale hervorgegangen ist, von der Schunk-Unternehmensgruppe übernommen worden. Dass Geschäftsführung wie Mitarbeiter auf das Erreichte stolz sind, war in der Führung durch Herrn Gast, Fertigungsleiter des Unternehmens deutlich zu spüren. 

Zu den Sternstunden der Metallurgie in Thale gehört die weltweit erstmalige industrielle Nutzung des Sinterns vor mehr als 70 Jahren. Bereits 1935 entwickelte Dr. Friedrich Eisenkolb im EHW Thale die Pulvermetallurgie, also die Herstellung von Eisenpulver, das vermischen pulverförmiger Stoffe sowie Verarbeitung durch Pressen und Sintern. Es gilt als einer der ältesten, aber auch als einer der innovativsten Zweige der Metallurgie.

1949 begründete Prof. F. Eisenkolb den Lehrstuhl für Pulvermetallurgie an der Universität Dresden und bis heute hat sein Name in der Werkstoffkunde einen hervorragenden Ruf.

In Thale entstehen auf diesem Wege die vielfältigsten Teile für die Automobilindustrie, wie Nockenwellenversteller, Teile für Ölpumpen und besonders hitzebeständige Teile für die Luftfahrtindustrie. Seit dem Einstieg der Schunk-Gruppe in Thale sind an dem Standort viele Millionen Euro investiert worden. Ausrüstungen, wie Öfen, Pressen und Maschinen für die mechanische Bearbeitung wurden erneuert. Die Liste der Autohersteller, die von der Schunk Sintermetalltechnik Thale beliefert werden, liest sich heute wie das Who-is-Who der europäischen Automobilbranche.

b_173_130_0_00_images_stories_2013_3-2013_Hexe-am-Abend-web.JPGDamit war trotz schwerer Füße der Tag noch nicht zu Ende. Jan Müller, der Hotelchef hatte zur Wanderung mit Ritter Bodo zur Rosstrappe eingeladen. Er gab sich dabei als profunder Kenner der Geschichte zu erkennen. Er erklärte an Hand von verschiedenen Funden, dass sowohl die Rosstrappe als auch der Hexentanzplatz vorchristliche Kultstätten waren.

Thale selbst arbeitet folgerichtig daran, für die Entwicklung des Tourismus etwas vom Mythos des germanischen Götterkults in zeitgemäßer Form wiederauferstehen zu lassen.

Die Walpurgisnacht war zwar gerade vorbei, aber leibhaftigen Hexen begegnet der Besucher in der Saison in Thale auf Schritt und Tritt. Samstag Abend besuchte eine flotte Hexe auch unsere VDI Gruppe und erläuterte wortreich, was die Welt im Innersten zusammen hält…

Seilbahnstation RosstrappeAntriebsstation SeilbahnAntrieb Kabinenbahn

Der Samstag wurde organisatorisch vorbereitet vom Marketingleiter der Seilbahnen Thale GmbH, Herrn Zedschack.

Begrüßt wurden wir vom stellv. Betriebsleiter des Unternehmens, Herrn Niewerth, der mit viel Herzblut in die interessante Technik der Seilbahnen Thale Erlebniswelt einführte, wie

  • den Sessellift von der Rosstrappe, mit technischer Führung in der Talstation,

  • das Schau-Wasserkraftwerk, mit technischer Führung,

  • die neue Kabinenbahn zum Hexentanzplatz, mit technischer Führung

                                                                                                                                                    
Antrieb KabinenbahnDie erste Kabinenbahn wurde 1970 eingeweiht und 1994 vollständig umgebaut. Am 3. Oktober 2011 war der letzte Einsatztag der Seilbahn, welche in fast 41 Jahren über 36 Millionen Fahrgäste beförderte, einen Tag später begannen bereits die Demontagearbeiten. Die neue Bahn, die am 21. April 2012 eröffnet wurde, kostete 4,7 Millionen Euro. Es wurde auf eine Einseilumlaufbahn umgestellt. In den nur noch 21 Kabinen finden bis zu sechs Personen Platz. 10 Gondeln in grüner Farbe verfügen über einen Panzerglas-Fußboden. Der 270-PS-starke Antrieb befindet sich nun in der Talstation. Die Bahn überwindet einen Höhenunterschied von 244 Metern bei einer Fahrlänge von 728 Metern. Die Fahrzeit beträgt vier bis acht Minuten bei einer maximalen Geschwindigkeit von fünf Metern pro Sekunde, die Fahrleistung liegt bei bis zu 1100 Besuchern pro Stunde.

Im Bodetal in Thale befindet sich seit dem Sommer 2005 ein Schau-Wasserkraftwerk. Dieses Bauwerk an der Bode ist ein Beispiel für eine gelungene Kombination aus Ökologie, Energieerzeugung und Fremdenverkehr. Das Kraftwerk besitzt eine archimedische Schnecke und das derzeit leistungsstärkste Wasserrad der Welt. Dieses stählerne Rad ist sechs Meter breit und sechs Meter hoch. Die mittels Wasserkraft erzeugte elektrische Energie versorgt die Seilbahn, den Sessellift sowie den Erlebnispark Bodetal. Der überschüssige Strom wird in das öffentliche Netz eingespeist. Das Wasserkraftwerk verfügt über eine Maximalleistung von etwa 110 kW, durchschnittlich werden je nach Wasserdurchflußmenge etwa 60 kW erzeugt.

Archimedische SchraubeInteressante Daten hält die archimedische Schnecke bereit. Prinzipiell kann man eine Wasserkraftschnecke als energetische Umkehr der Archimedischen Schraube bezeichnen. Dabei können Wasserläufe, die einen geringen Höhenunterschied zu überwinden haben, zur Energiegewinnung genutzt werden. Die Schnecke, die mit einer riesigen Schraube vergleichbar ist, wird schräg, in Wasserfließrichtung nach unten gerichtet, im Flussbett eingebracht. Das Wasser versetzt dann, während es den Gewindegang hinunterfließt, die Schnecke in eine Drehbewegung. Da die Steigung der Schnecke relativ gering ist, dreht sich die Schnecke verhältnismäßig langsam. Am oberen Ende der Schnecke befindet sich der elektrische Generator mit einem zwischengeschalteten Getriebe. Zu der Anlage gehören außerdem eine Fischaufstiegstreppe und eine Fischabstiegsanlage.


Der Sonntag versprach mit einer Führung auf dem Industrielehrpfad eine spannende historische Reise in die Ilsenburger Vergangenheit.

Ilsenburg hat seit 2010 eine touristische Neuheit zu bieten. An der Einfahrt zum Walzwerk wurden wir am neu geschaffenen Eisenhüttenpark von Herrn Dr. Oppermann und zwei stählernen Figuren, dem Stahlwerker und dem Walzwerker, empfangen. Dort erfuhren wir viel Vergessenes und Neues über den langen, mühevollen, 700 Jahre währenden Weg, vom Harzer Eisenerz, von der Verhüttung in Rennöfen und Hohen Öfen zu Roheisen und Schmiedeeisen, sowie über die Weiterverarbeitung zu Eisenwerkzeugen und Gußerzeugnissen, die eine Entwicklung des Handwerks bis zur heutigen Ilsenburger Metallindustrie bezeugen.

Eisenerz, Holzkohle, Kalk und die Kraft des Wassers der Ilse waren Voraussetzung für die technologische Entwicklung. Der neue Industrielehrpfad mit der typischen Köhlerhütte und einem von Schülern der Sekundarschule errichtetem Rennofen, in dem sie nachweisen konnten, wie unsere Vorfahren Eisenluppen erzeugten, machen die Industriegeschichte Ilsenburgs erlebbar.

IndustrielehrpfadDie Schöpfer des Lehrpfades "Vom Erz zum Metall" sind nicht bei der Geschichte stehen geblieben. Grobbleche aus dem Ilsenburger Walzwerk, Nockenwellen und Lenkstangenrohre für die Automobilindustrie und komplette Radsätze der Radsatzfabrik – alles Exponate zum Anfassen – berichten vom erfolgreichen Weg in die Moderne.

Der Harzklub e.V. Zweigverein Ilsenburg hat hier, mit vielen Freunden, Sponsoren und Helfern, in ehrenamtlicher Arbeit 19 Stationen entlang der Ilse eingerichtet. Die harztypischen Dennert- Tannen weisen auf vergangene, erhalten gebliebene und neue Produktionsstandorte der metallerzeugenden und metallverarbeitenden Industrie hin.

Bei der Wegeführung des Lehrpfades wird immer wieder auf den untrennbaren Zusammenhang zwischen der Wasserkraft der Ilse, der Industrieansiedlung und der Stadtentwicklung aufmerksam gemacht.

In einer Kaskade angelegte achte Stauteiche waren die Voraussetzung dafür, dass 40 Wasserräder Mühlen, Pochwerke, Schmiedehämmer und Walzen antrieben. Weiterhin wurden Gebläse für Schmelzöfen durch die Wasserkraft betrieben und durch vier Turbinen wurde Elektroenergie erzeugt.

Der Industrielehrpfad mit der Beschreibung der Wassernutzung der Ilse, das Zusammenspiel von Eisengewinnung und Eisenindustrie von Kulturgeschichte und Tourismus, werden nicht zu Unrecht als „kleiner Bruder des Weltkulturerbes Oberharzer Wasserregal“ bezeichnet.

George Clooney wurde jedoch nicht gesichtet, als die VDI Gruppe am Sonntag bei schönstem Wetter den Ilsenburger Industrielehrpfad erkundete.


Dieter Gödicke
VDI Bezirksgruppe Burgenlandkreis