b_220_165_0_00_images_stories_Ausgabe_1-2012_Bad-Herrenalb-2.JPG1980 wurden beim Karlsruher BV (Prof. Schüring) zusammen mit der Evangelischen Akademie Baden (Dr. Lochmann) die Herrenalber Gespräche ins Leben gerufen, die immer Ende Januar im Hause der Kirche in Bad Herrenalb stattfinden. Ab 1991 ist der Hallesche BV auf Grund der Städtepartnerschaft Halle - Karlsruhe und der daraus resultierenden engen ehrenamtlichen Zusammenarbeit innerhalb des VDI als Besucher oder auch Mitgestalter dieser Veranstaltung integriert.
Seit 2003 wird diese von DI Boßler (VDI) und Pfarrer Strobel (Akademie) organisiert und geleitet. Das 10. Mal war Anlass für den Karlsruher BV - Vorsitzenden, Herrn DI Best, die beiden für ihre hervorragende Organisation und Leitung mit der Ehrenplakette (Boßler) bzw. der Ehrenmedaille (Strobel) des VDI auszuzeichnen. Die Veranstaltung „Technik – Angst – Folgen“ wurde wiederum von der Bundesanstalt für politische Bildung gefördert, und das zu Recht. Sieben Vortragende, ausgewiesene Experten aus Lehre, Forschung und Industrie mit Diskussionen direkt, in Arbeitsgruppen und in Pausengesprächen haben die Thematik bezogen auf christlich – ethische und kulturelle Wurzeln im Vergleich zu den vorwiegend politisch und ökonomisch überbordeten Tagesthemen beleuchtet. Das war angenehme Atmosphäre, zu der auch die beiden halleschen unter den 90 Teilnehmern wieder besonders freundlich begrüßt wurden. Da können diverse Talkrunden im Fernsehen nicht mithalten. Für 2013 ist eine Anfrage nach Halle bezüglich Vortragenden abgesprochen. Der Unterzeichner hat die dann 21. Teilnahme in Bad Herrenalb fest eingeplant.

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Die Vortragenden 2012 und einige Notizen zu den Themen:

Technik – Angst - Folgen, Beispiele aus der Technikgeschichte
Referent: Prof. Kaiser, Aachen

Technik hat alle Bereiche des täglichen Lebens erreicht . Früher sichtbare Einzelereignisse (z. B. erste Dampfmaschine/VDI – Denkmal in Hettstedt, erste Eisenbahn) sind heute der komplexen Verknüpfung mit unaufhaltbarer Geschwindigkeit gewichen. Ein Zurück oder nur ein Stopp werden ausgeschlossen. Ereignis – und Datenflut bedingen fehlenden Durchblick und erzeugen Angst. Diese hat Folgen für eigenes Handeln, für Änderung des Istzustandes, vor Kontrollverlust, vor Technik generell. Gigantomanie macht Bewunderung, aber auch Angst (riesige Kreuzfahrtschiffe – Costa Concordia, Turmbauten – Dubai, Großraumflugzeuge – A 380, lange Tunnel - Ärmelkanal, Kernkraftwerke – Tschernobyl, Fukoshima, Jangtse – Staudamm).

Technik hat auch zur Produktivitätssteigerung geführt (Fließband, Roboter, Datenverarbeitung, Massentierhaltung). Folgen wie Klimaerwärmung oder der „gläserne Mensch“ machen wiederum Angst und haben Nebenwirkungen wie Arbeitslosigkeit und Verarmung, oder auch Reichtum und Überfluss zur Folge.


b_220_165_0_00_images_stories_Ausgabe_1-2012_Bad-Herrenalb-3.JPGTechnik hat Folgen
Referent: Prof. Decker, Karlsruhe

Es gibt gewünschte und unerwünschte, Risiken, Restrisiken, die vorhersehbar waren oder derzeit auch nicht. Das hängt zusammen mit Wissen/Nichtwissen und Handeln/Nichthandeln. Die Technikfolgeneinschätzung dient der Risikoermittlung (z. B. Umweltschutz, Ressourcennutzung). Sie ist auch eine Sicherheitsforschung (Bildung Technischer Überwachungsvereine – TÜV, Zertifizierung von Unternehmen, Kennzeichnung von Produkten und von Energieeffizienz – Gütesiegel). Die Situation wird durch die Globalisierung mit sehr unterschiedlicher Gemengelage immer komplizierter. Stete Abwägung zwischen Ziel/Wunsch und Neben - /Nachfolgen ist erforderlich. Basis für Prognosen und zukünftiges Verhalten ist immer die Gegenwart mit ihrer Mobilität, Demografie und ihren Ausgangspositionen. Es gilt das Vorsorgeprinzip, aber Missbrauch aus versteckten Interessen, aus Intransparenz und Intoleranz sind generell nicht ausschließbar. So führen technische Entwicklungen permanent wiederum zu Angst (Vernichtungswaffen oder Energie aus Atomkraft). Trivial : „hinterher ist man immer schlauer“.


b_220_165_0_00_images_stories_Ausgabe_1-2012_Bad-Herrenalb-11.JPGPreis der Angst, mögliche Folgen in Deutschland
Referent: Prof. Krämer, Dortmund

Analysen werden immer präziser und kleinteiliger. Die Ergebnisse werden durch das Internet immer schneller und weltweit verbreitet. Die Deutschen sind auf Grund ihrer Neigungen zu Pünktlichkeit, Genauigkeit und Bedenklichkeit besonders anfällig für Ängste. Risiken können zeitverzögert steigen oder abnehmen. Schadenswahrscheinlichkeit ist als Über – oder Unterschätzung möglich. Beispiele sind die Beipackzettel bei Medikamenten, Strahlungsfolgen, Asbesteinsatz, Gentechnik, Krankheiten zusammen mit Alterung der Menschen, Panikmache oder Vorbeugung bei BSE, Vogel - und Schweinegrippe. Es gilt noch immer Paracelsus: „Die Menge macht`s“.


Technikjournalismus zwischen Meinungsmache und Informationsauftrag
Referent: Prof. Frühbrodt, Würzburg/Schweinfurt

„Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten“. Der Journalist ist eine Art Schleusenwärter und entscheidet über die Nachricht oder deren Unterlassung. Ausgewogenheit und exakte Quellenforschung sind von Bedeutung. Medien haben großen Einfluss (Falschmeldungen, Panikmachen, Ablenkungsmanöver! oder die reine Wahrheit?). Überzeichnung von Ereignissen, Sensationshascherei und Schmierentheater bringt auf dem Boulevard Verkaufserlöse (Bildzeitung). Bedenklich, weil meist sehr emotional und einseitig sind auch Bürgerbefragungen (Stuttgart 21).


b_220_165_0_00_images_stories_Ausgabe_1-2012_Bad-Herrenalb-8.JPGWas macht eigentlich Angst am Beispiel der grünen Gentechnik?
Referentin: Frau Dr. Duwenig, Ludwigshafen

Aus Sicht der Industrie gibt es mehr Vorteile als Nachteile. Angst und Folgen werden mehr herbeigeredet als bewiesen, weil die Forschung noch hinterher hinkt. Gentechnik schafft mehr Produkte in der globalen Landwirtschaft (z. B. Afrikas Eigenproduktion für die Ernährung), aber auch für Sprit statt Erdöl. Von der Bevölkerung angenommenes Ergebnis ist die DNA. Weitere Forschung wegen deutscher Bedenken zukünftig in den USA. Vermittlung der Ergebnisse durch die Industrie ist noch intransparent.

Wie viel Technik braucht der Mensch wirklich? Beispiel Neurotechnologie
Referent: cand. Dr. phil. Eßmann, Freiburg

Die Forschungsergebnisse in Freiburg und Tübingen sind Aufsehen erregend, aber auch ethisch bedenklich. Der Blick ins Gehirn mit MRT und Einpflanzen von Sensoren haben bereits zu einer sog. Psychochirurgie geführt, die über die Verabreichung von Psychopharmaka weit hinaus geht. Die große Hoffnung setzt auf die Beeinflussung der steigenden Anzahl von Demenz – und Parkinsonerkrankungen. Allerdings haben die bisherigen Eingriffe auch zu unvorhersehbaren psychischen Veränderungen bei den Probanden geführt.


Technik als Schlüssel für eine nachhaltige Entwicklung?
Referent: Prof. Berg, Tübingen

Technik gehört zum Menschen; Schicksal oder Verhängnis? Permanente Gegenüberstellung der Folgen bzw. der Vorteile ist erforderlich, um Nachhaltigkeit bzw. Irreversibilität beurteilen zu können. Ein Zurück zur Urzeit ist nicht mehr möglich und gewollt. Aber es muss lenkend eingegriffen werden, denn z. B. unbegrenztes Wachstum ist eine gefährliche Ideologie. Verknappung von Ressourcen ist ein Innovationstreiber (Zuwachs der Weltbevölkerung). Die Effizienz neuer Technik wird gemindert durch ständig mit wachsende Ansprüche der Menschen. „Illusorisch bleibt es, die Masse der Menschen zum Denken zu bringen“. Bestimmte Ereignisse sind meist Auslöser von Veränderungen (siehe Energiewende) und neuen Verhaltensregeln.


Dr. Joachim Schwarz
Hallescher Bezirksverein des VDI


IngPost - Ausgabe 1/2012, Februar 2012