b_200_150_0_00_images_stories_Jahresexkursion_Witzenhausen_1__mini.jpgIm Rahmen der diesjährigen Wochenendexkursion des AK Umwelttechnik traf sich eine Gruppe von 16 Teilnehmern am 22. Juni 2012 in der Papierfabrik Witzenhausen. Dort interessierte uns neben der Papierfabrik insbesondere das integrierte moderne Kraftwerk, das für die Versorgung der Papierfabrik mit Elektroenergie und Prozessdampf zuständig ist. Dieses Mitte 2009 in Betrieb gegangene Kraftwerk wird zu 100 % mit sogenannten Ersatzbrennstoffen (EBS) betrieben.

EBS sind die heizwertreichen Bestandteile des kommunalen Mülls. Durch einen Bericht im „Umweltmagazin“ Heft 7/8, 2011 waren wir auf die Anlage aufmerksam geworden und hatten sie für die Exkursion ausgewählt. Eine Anfrage bei der SCA Packaging GmbH, Werk Witzenhausen wurde positiv beantwortet, die Vorbereitung unseres Besuches klappte hervorragend. Während die Papierfabrik zur Zeit unseres Besuches zum schwedischen SCA Konzern, einem der größten internationalen Konzerne für Hygiene- und Papierprodukte gehörte, wird das Kraftwerk eigenverantwortlich von der B + T Umwelt GmbH, Alsfeld betrieben und sichert vertraglich gebunden die Energieversorgung der Papierfabrik in vollem Umfang. Schon während unseres Besuches war zu erfahren, dass ein Eigentümerwechsel bei der Papierfabrik bevorsteht. Im Internet ist derzeit zu finden, dass die SCA Packaging GmbH seit dem 1. Juli 2012 von DS Smith Paper, Großbritannien übernommen wurde.

Unsere Gruppe wurde von je einem Vertreter von SCA und vom Kraftwerk empfangen. Zunächst gab es neben Ausführungen zum SCA Konzern und dem Werk Witzenhausen, Erläuterungen zum Herstellungsprozess der dort produzierten Wellpappenrohpapiere, insbesondere zur Arbeitsweise der Papiermaschine. Zum Einsatz kommt dabei zu 100 % Altpapier aus dem Verpackungsbereich. Die produzierten Rohpapiere werden an anderen Stellen zu Wellpappen und schließlich Kartonagen verarbeitet. Jährlich werden aus 350.000 Mg Altpapier 320.000 Mg Wellpappenrohpapiere produziert.

Es folgte eine Präsentation zum EBS-Kraftwerk. Es verfügt über eine thermische Leistung von 124 MW. Für die Vollversorgung der Papierfabrik mit Dampf und Strom sind bis zu 80 MW Niederdruckdampf und eine Leistung von bis zu 16 MW Strom erforderlich. Im Unterschied zu den in Müllheizkraftwerken verwendeten Rostfeuerungen, arbeitet das EBS-Kraftwerk mit einer zirkulierenden Wirbelschicht mit Sand als Bettmaterial. Auf die Wirbelschichtfeuerung folgt ein Zyklon mit Nachbrennkammer. Über den Bettmaterialkühler, der für die Endüberhitzung des Dampfes verantwortlich ist, wird das Wirbelschichtmaterial in die Feuerung zurückgeführt. Die heißen Rauchgase durchlaufen den Dampferzeuger und gehen anschließend über einen Multizyklon in die mehrstufige Rauchgasreinigung.

b_250_188_0_00_images_stories_Jahresexkursion_Witzenhausen_2__mini.jpgZahlreiche Zwischenfragen unsererseits hatten zur Folge, dass schon 2 Stunden unseres Besuches vergangen waren, bevor es endlich auf die Betriebsrundgänge ging. In der Papierfabrik stand dabei natürlich die riesige Papiermaschine mit einer Arbeitsbreite von 7,5 m und einer Gesamtlänge von 102 m im Vordergrund. Die Arbeitsgeschwindigkeit der Maschine beträgt bis zu 850 m/min oder 51 km/h. Es bleibt nicht aus, dass gelegentlich ein Papierabriss im laufenden Betrieb passiert. Wir konnten diesen Fall erleben und genau beobachten, wie das Bedienungspersonal routiniert innerhalb weniger Minuten bei laufender Papiermaschine dieses Problem löst. 

Im Anschluss an den Rundgang durch die Papierfabrik folgte ohne große Pause die Besichtigung des Kraftwerkes. Gebaut wurde es von Andritz Energy & Environment. Hier ging es per Fahrstuhl und Treppen über mehrere Stationen durch das Ofenhaus. Von der Messwarte aus war ein Blick in den Brennstoffbunker möglich. Mit besonderem Interesse verfolgten wir die Beschickungsvorgänge. Hier arbeitet ein vollautomatisches Kransystem, das gesteuert über Kameras für die gleichmäßige Beschickung von zwei Vorlagesilos sorgt. Von dort aus erfolgt über weitere Dosiereinrichtungen der Eintrag des EBS über vier Blasleitungen in die Wirbelschicht. Der weitere Rundgang zeigte die verschiedensten Kraftwerkseinrichtungen, wobei aus den begleitenden Erläuterungen möglichst immer die Verbindung zum vorher gezeigten Anlagenschema hergestellt werden musste.

Nach der Verabschiedung fand der interessante Besuch schließlich nach ca. 5 Stunden sein Ende mit einem Gruppenfoto vor dem Betriebsgelände. Vier Teilnehmer verabschiedeten sich, da sie die Besichtigung als Tagesveranstaltung wahrgenommen haben. Die übrigen Teilnehmer hatten sich ja schon am Vortag im benachbarten Kurort Bad Sooden-Allendorf einquartiert, um noch bis zum 24. Juni die schöne Umgebung im Werratal zu erkunden. So folgten individuelle Unternehmungen in kleineren Gruppen am nächsten Tag in Bad Sooden-Allendorf mit Gradierwerk, Salzmuseum und vielen schönen Fachwerkhäusern, oder in der näheren oder weiteren Umgebung. Dazu gehörte dann auch ein zünftiger Abend im mittelalterlichen Ambiente im Ratskeller des Stadtteils Allendorf.

Den Abschluss fand die Exkursion schließlich am Sonntag, den 24. Juni 2012 wieder in Witzenhausen mit einem Besuch im Gewächshaus für tropische Nutzpflanzen. Diese Gewächshausanlage ist eine Außenstelle der Uni Kassel und gehört zum Bereich Ökologische Agrarwissenschaften. Im Gewächshaus werden ausschließlich Nutzpflanzen der Tropen und Subtropen angebaut. Der Rundgang und die Ausführungen einer jungen Absolventin boten einen interessanten Einblick in den Anbau und die Nutzung von Tee- und Kaffeesträuchern, Bananen, Kakao, Citrusfrüchten, Erdnüssen, Zuckerrohr, Reis und anderen tropischen und subtropischen Feldkulturen. Neben dem Anbau werden hier auch Methoden der biologischen Schädlingsbekämpfung durch den Einsatz räuberischer oder parasitärer Gegenspieler der Schädlinge untersucht, ebenso wie der Einsatz nützlingsschonender Präparate aus Samen oder Pflanzenölen.

B. Warnke


Ingpost, Ausgabe 4/2012, Oktober 2012