b_200_150_0_00_images_stories_Ausgabe_3-2012_P1010219a.jpgEs gibt Professoren, an die man sich nach dem Studium ein Leben lang als prägend erinnert. Dazu gehört der im Folgenden zu würdigende Jubilar für mich auf alle Fälle. Dennoch traue ich mir kaum zu, diesen Wissenschaftler und Menschen auch nur annähernd vollständig einschätzen zu können.

 

Es sollte eigentlich lieber  jedem Leser die Tabelle der Lebens- und Arbeitsdaten von Prof. Fratzscher zur Lektüre empfohlen werden, die von der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg freundlicherweise bereit gestellt wurde. Sie können sie mit dem Link unten aufrufen. Was ich hier beisteuern kann, sind dagegen nur persönliche Randbemerkungen.

Zum ersten Mal erlebte ich Prof. Fratzscher 1964. Den neu nach Merseburg berufenen Hochschullehrer bekamen wir im Fach Energiewirtschaft, sozusagen als erste Fühlungnahme mit der Denkweise eines Ingenieurs. In den bisherigen Grundlagenfächern ging es eher darum, Fakten und Zusammenhänge kennenzulernen. Jetzt wurde uns gezeigt, daß Ingenieurtätigkeit sich im wirtschaftlichen Umfeld zu bewähren hat.  Das ist zwar gar nicht so originell, aber für junge Studenten eine prägende Erkenntnis.

Diesem Geist einer klaren Ausrichtung von Lehre und Forschung auf die intensive Zusammenarbeit mit der industriellen Praxis, wie er in dieser Zeit vorbildlich durch die damalige TH Merseburg gepflegt wurde, war auch meine zweite Begegnung mit Prof. Fratzscher zuzuordnen. 1978 wurde die Hochschul-Industrie-Forschungsgruppe Verfahrenstechnik (HIFOG) gegründet und der inzwischen weithin bekannte Hochschullehrer war als ihr Leiter berufen. Bereits bei meinem Bewerbungsgespräch lernte ich ihn als einen Chef kennen, der durch seine umfassende wissenschaftliche Kompetenz,  Ausgeglichenheit und Ruhe, Beredsamkeit, Humor und Lebensfreude eine der augenfälligsten Persönlichkeiten der Hochschule war. Seinen Mitarbeitern ließ er viel Raum für eigene Ideen, diese verlangte er sogar. Aber er war auch ganz nah dran an der Entwicklung aller Projekte und Ansätze. Sein Mitdenken und seine Einflußnahme war über ein Jahrzehnt in allen der sehr vielfältigen Forschungsvorhaben  der HIFOG ein entscheidender Erfolgsfaktor.

Dabei war diese Aufgabe an der Front der Umsetzung längerfristig angelegter wissenschaftlicher Arbeit für industrielle Anwendungen und in enger Zusammenarbeit mit bedeutenden Industriepartnern – dem Grundanliegen der HIFOG - nur ein Aspekt seines umfassenden Wirkens. Natürlich hatte er auch noch die Verantwortung für einen Wissenschaftsbereich. Und natürlich war er Mitherausgeber des umfassendsten Lehrwerkes für Verfahrenstechniker. Und der Sammlung von verfahrenstechnischen  Berechnungsmethoden. Und des ABC der Verfahrenstechnik.  Und , und, und ... Sie können ja selbst bei der Betrachtung der Liste von Funktionen, Mitgliedschaften, Veröffentlichungen und Betreuungen ersehen, wie umfassend das Wirken von Prof. Fratzscher  angelegt war. Eine besondere Stellung hatte bei diesen vielen Aufgaben sicher die Mitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften der DDR.

Daß ein Mann wie Prof. Fratzscher mit seiner Persönlichkeit, seinem Einfluß und seinen Argumenten nach der Wende da war, hat wohl wesentlich dazu beigetragen, daß die universitäre Ingenieurausbildung sowie die Entwicklung der Technikwissenschaften an der Martin-Luther-Universität eine Chance bekamen. Für dieses Anliegen hat er sich bis zu seiner Emeritierung 1998 engagiert eingesetzt und auch im Ruhestand die Interessen der Technik vielfach vertreten. Der VDI Hallescher Bezirksverein, der sich in dieser Angelegenheit ebenfalls vielen gegenläufigen Bestrebungen entgegenzustellen hatte, besitzt mit seinem Mitglied Prof. Fratzscher dabei einen wertvollen Ratgeber.

Heute möchten wir dem verdienstvollen Jubilar anläßlich seines 80. Geburtstages gratulieren. Auf dem Festakt am 15. Juni 2012 wurde ihm die Ehrenauszeichnung für 50-jährige Mitgliedschaft im VDI (der natürlich die Zeiten in der früheren KdT der DDR mit anrechnet) durch den Vorsitzenden des Halleschen Bezirksvereins, Herrn Prof. Thomas Hahn, überreicht. Wir wünschen ihm Glück und Gesundheit und Dinge noch anpacken zu können, die ihm vorschweben. Denn alle, die Prof. Fratzscher kennen, freuen sich noch auf viele Jahre  ertragreichen Wirkens mit Vorträgen, Stellungnahmen oder auch einfach nur Ratschlägen, geschöpft aus der Fülle eines Lebens als Wissenschaftler, Hochschullehrer und Ingenieur, das man sich schon mal als Vorbild nehmen kann.

Und wenn Sie es bis jetzt noch nicht getan haben, so schauen Sie sich unbedingt die beeindruckende Liste von Lebensdaten an, die Sie hier finden.

Dr. Gerhard Kämpfer
Mitglied der Redaktion und
Der Vorstand des VDI Hallescher Bezirksverein

Ingpost, Ausgabe 3/2012, Juli 2012